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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben

Von Babylon nach Globylon
Der Inhalt in 38 Thesen

Die Thesen in vier Abschnitten:

A: Über die Weltsprache
B: Über die Muttersprachen und Englisch
C: Über die Sprachen der Wissenschaft
D: Über die Sprache der Bürger im Alltag

Abschnitt A: Über die Weltsprache

1 – Alle verwechseln die Weltsprache mit Englisch

Die Weltsprache sieht zwar aus wie Englisch und sie klingt wie Englisch – ist aber meist nur schlechtes Englisch. Immer öfter ist eher Globisch die Weltsprache für jenes Drittel der Weltbürger, die in irgendeiner Form des Englischen bereits irgendwie miteinander verkehren – die meisten davon mehr schlecht als recht. (S. 16)

2 – Nur eine Minderheit der Weltbevölkerung beherrscht gutes Englisch

Von den sieben Milliarden der Weltbevölkerung sprechen knapp fünf Prozent Englisch als ihre Muttersprache. Insgesamt benutzt etwa ein Drittel Englisch, oder was man dafür halten kann. Zwei Drittel der Menschheit kann überhaupt kein Englisch, das es zu verbessern gäbe. Wie diese qualifizierte Mehrheit gutes Englisch erwirbt? Der Anspruch, dass ein gutes Englisch die Weltsprache sei oder sein müsse, ist daher verwegen, jedenfalls irreal. (S. 16)

3 – Die englischen Muttersprachler überfordern den Rest der Welt

Die rund zwei Milliarden Benutzer von meist schlechtem Englisch (oder Globisch) sind in aller Regel mit gutem Englisch überfordert. So geht es beispielsweise den meisten Deutschen mit Englischkenntnissen, deren Qualität sie systematisch überschätzen. Wer seinerseits im globalen Verkehr ein gutes Englisch verwendet, behindert die Kommunikation, denn er trägt zur Produktion von Missverständnissen bei. (S. 16)

4 – Überlegenes Englisch geht stets auf Kosten der Anderen

Einen Nutzen aus seiner sprachlichen Überlegenheit genießt der englische Muttersprachler nur, wo es darum geht andere zu übervorteilen, etwa in der Politik oder bei Verträgen, mit denen er den Kontrahenten über den Tisch zieht. In allen übrigen Situationen des wirtschaftlichen Alltags erreichen die Geschäftspartner mit dem Gleichlang des Globischen gemeinsam mehr.

5 – Als Weltsprache eignet sich globisches Englisch besser

Globisch ist ein funktionsfähiges Zweckenglisch für den Alltagsbedarf des Geschäftslebens. Wo Globisch nicht genügt – für Verhandlungen auf höchster Ebene -, genügt auch gutes Englisch nicht. Da genügt nur makelloses Englisch in professioneller Fehlerlosigkeit. Dazwischen gibt es keinen gleitenden Übergang, nur Profis können da mithalten – keine Halbprofis, keine ambitionierten Amateure. (S. 19)

6 – Globisch wird 200mal besser verstanden als Englisch

Globisch hat einen begrenzten Wortschatz, eine reduzierte Grammatik und Beschränkungen im Sprachgebrauch. Das entspricht dem tatsächlichen Gebrauch der Weltsprache. Jeglicher Mehraufwand für besseres Englisch ist ein privater Luxus, keine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wieso 200 mal? Es könnte auch 500 mal sein. (S. 24)

7 – Verhandlungssicheres Englisch erwerben nur Wenige

Nur zwei Sub-Submilieus der Gesellschaft erlangen muttersprachliches Englischniveau und nur sie können mit Muttersprachlern ebenbürtig verkehren: Das sind erstens die von Hause aus Sprachprivilegierten sowie zweitens die Dolmetscher und Übersetzer. Alle anderen sind mit Globisch besser bedient, denn Spitzenenglisch zu erstreben, ist eine Illusion. Auch zehnmal so viel Englischstunden in der Schule würden daran wenig ändern. Sprachprivilegierter wird, wer fünf Jahre in einer englischen Umgebung zubringt, die ihm kein deutsches Wort durchgehen lässt; außerdem muss er sprachbegabt sein und fleißig englische Literatur lesen. Schulenglisch liefert dafür die Ausgangsbasis, mehr nicht. Mehr könnte keine Schule der Welt leisten, selbst wenn sie sämtliche Fächer auf Englisch unterrichtete. (S. 110 ff.)

8 – Gutes Englisch ist aristokratisch und nützt keiner Allgemeinheit

Hochenglisch ist die Kultursprache der angelsächsischen Oberschicht, mit der sie sich den Pöbel vom Halse hält und vorwitzige Fremde an der Nase herumführt. Ähnliches kommt auch im Deutschen vor, aber nicht in dieser kalkulierten Krassheit. Globisch ist dagegen eine demokratische Sprache; sie dient dazu, dass alle Weltbürger einander verstehen.

9 – Als Englisch gilt auch der „globalesische“ Sprachmüll

Globalesisch (nicht zu verwechseln mit Globisch) ist die Tarnsprache einer neureichen Scheinelite im Geschäftsleben. Mit dieser Variante des Englischen vernebelt sie Zusammenhänge statt Klarheit zu schaffen. Zugleich dient ihr globalesisches Idiom dazu, sich von allen Anderen abzugrenzen. Das akademische Halbenglisch ist, was Hochschullehrer (meist mit dem gebührenden schlechten Gewissen) für passables Englisch halten. Merke: Neureiche sowie Sprachprotzer zählen nicht zum Adel. (S. 19 ff., 26, 84, 129, 179, 213 ff.)

10 – Globisch ist eine bessere Weltsprache als jedes andere Englisch

Globisch dient ausschließlich der schnörkellosen Information und der nüchternen Kommunikation. Mit Kultur, Kunst, Poesie, Schönheit hat Globisch nichts zu tun – es ermöglicht nur die fehlerarme Verständigung. Demgegenüber haben Bad Simple English (BSE) und Hochenglisch eines gemeinsam: Sie provozieren Missverständnisse, und die kommen teuer. (S. 156 ff., 171 ff.)

11 – Für den Export brauchen wir kein besseres Englisch

Exportweltmeister waren wir, als unsere Kaufleute und Ingenieure Englisch erst in der Oberstufe gelernt haben (nach so furchtbar nutzlosen Sprachen wie Latein und Altgriechisch). Seit wir so viel Aufhebens um Englisch machen, sind wir hinter China und die USA auf den dritten Platz zurückgefallen. Was das Eine mit dem Anderen zu tun hat? Nichts. (S. 146 ff.)

Abschnitt B: Über die Muttersprachen und Englisch

12 – Als Konzernsprache blockiert Englisch die Verständigung

Wer zur Sache etwas Wichtiges beizutragen hätte, aber auf Englisch fällt es ihm nicht ein, der hält den Mund und überlässt das Feld denen, die zwar Englisch können, oft aber sonst nichts draufhaben. Bei DaimlerChrysler gingen die Kosten der erzwungenen Konzernsprache Englisch in die Milliarden. Mit der Muttersprache plus Globisch plus dem Einsatz von Profis hätte die Scheidung von Chrysler früher und billiger geschehen können, oder die Mesalliance hätte sich sogar vermeiden lassen. (S. 155 f.)

13 – Blähenglisch blockiert das Denken

Mit der globalesischen (nicht der globischen) Variante der englischen Sprache übernehmen die executives Versatzstücke einer Denkweise, die der unseren verwandt, aber nicht mit ihr identisch ist. Das globalesische Englisch, das eher zum Glauben als zum Verstehen verleitet, war bereits Geburtshelfer der weltweiten Finanzkrise. Mit seinen Englischkenntnissen müsste man schon außerordentlich sprachbegabt (mehr als sprachfertig) sein, um in diese Falle nicht zu tappen. Aber sogar gutes Englisch (auch ohne die globalesischen Versatzstücke) kann uns behindern: Wenn uns das Bemühen über Gebühr ablenkt; wenn wir Aufwand betreiben zu verstehen, was uns auf Englisch korrekt, aber unzugänglich dargelegt wurde. Im gleichen Maße kommen wir nicht zum eigenen Denken über das Gesagte: eine ziemlich infame, aber erfolgreiche Verhandlungstaktik, ednn wer gibt schon zu, dass er nicht mitkäme? (S. 33 ff., 192 ff.)

14 – „Englisch ein Muss!“ behindert de Experten

Mit der Forderung nach „Englisch perfekt in Wort und Schrift“ unterzieht man Fachleute einem nutzlosen Stress. Er hat mit der Sache nichts zu tun, schmälert aber die Fähigkeit die Leistung zu erbringen um die es eigentlich geht. Tatsächlich können nicht einmal native speakers perfektes Englisch. So wird eine abstrakte Forderung nach Perfektion zu einer Norm erklärt, deren Maßstäbe willkürlich verschiebbar sind – grober Unfug ist das. Sprachbegabte mögen in solcher Lage noch punkten können, alle anderen werden ohne erkennbaren Nutzen gequält. Keiner bekommt, was er braucht: die angemessenen Sprachkenntnisse. Wo Fachkenntnis weniger gilt als Sprachkenntnis, ist mit einem überhöhten Anteil von Hochstaplern zu rechnen, die vor allem eines können: ihre Selbstvermarktung. Kluge Unternehmer verabschieden sich von diesen kostspieligen Verwirrspielen. (S. 86 ff., 115)

15 – Standorte mit Zukunft pflegen die Muttersprache

Die Muttersprache ist ein Produktionsfaktor, der in jeder Volkswirtschaft den Erfolg dirigiert. Das Denken des Forschers und Entwicklers gelingt in der eigenen Sprache in aller Regel besser als in fremden Sprachen. Als gepflegte Muttersprache nimmt sie auch Einflüsse aus fremden Sprachen auf und kann sie zu ihrem Vorteil einverleiben. Die Abkehr von der Muttersprache hin zur englischen als Sprache der Wirtschaft- und der Wissenschaft riskiert den Verlust des mit der Muttersprache verbundenen Standortvorteils. Das implizite Versprechen auf Teilhabe an der Weltwirtschaft in englischer Sprache wiegt nichts, es ist kaum mehr als ein Lockvogel. Exporterfolge gab es, lange bevor Englisch zur anscheinend unverzichtbaren Voraussetzung für Exporterfolge avancierte. Verkaufen kann man – sogar radebrechend – in jeder Sprache, das haben wir jahrzehntelang bewiesen. Aber entwickeln muss man überlegene Produkte in der eigenen Sprache. (S. 165 ff.)

16 – Englische Frühförderung ist vergebliche Liebesmüh

Früh geförderte Kinder werden in aller Regel vergebens auf Englisch indoktriniert und sie werden einem erhöhten Risiko des Stotterns ausgesetzt. Spätestens zur Pubertät werden sie von den Spätstartern überholt, nicht nur eingeholt; das ist bereits erwiesen. Der Rummel um die Frühförderung ähnelt der Stümperei mit Canapés: Immer noch etwas draufzulegen verfeinert den Geschmack nicht mehr, es sieht nur nach mehr aus. Der ganze Aufwand wäre nützlicher in die Muttersprache investiert – und käme letztlich auch dem Englischlernen zugute. (S. 67 f.)

17 – Als erste Fremdsprache eignet sich Englisch besonders schlecht

Der Einstieg erscheint so einfach, so werden die Schüler zur Denkfaulheit verwöhnt. Später haben sie es schwer im Gelände des höheren Englisch. Die Engländer und Amerikaner sind bereits zu träge zum Fremdsprachenlernen, mithin sind sie schon jedem Chinesen unterlegen, der neben seinem Mandarin ein bisschen Globisch beherrscht. Eltern können sich getrost den gelegentlichen Zweifel erlauben, ob das Englischniveau, das sie für ihre Kinder als Ziel setzen, mit einer derart verfrühten Überbetonung des Englischen überhaupt zu erreichen ist oder ob dieses sogar verhindert wird. Erwiesen ist seit langem, dass sich Latein, Russisch, sogar Französisch als erste Fremdsprache besser eignen. (S. 65)

18 – Der Englischeifer nährt sich aus fragwürdigen Motiven

Die Motive für weitreichende Entscheidungen pro Englisch kontra Muttersprache verdienen einen Schuss gesunder Skepsis. Wo Englisch als schick gilt, sollte man sich an die Kurzlebigkeit der Mode erinnern. Besonders eklig ist der Klassendünkel entlang von Sprachgrenzen, der aus dem Englischen herüberschwappt und bei uns in abgewandelter Form heimisch wird: Demzufolge ist Deutsch zwar geeignet die Einwanderer zu integrieren, aber für die eigenen Kinder gilt die Ausrichtung auf eine vollkommen englische Globalisierung; in manchen Submilieus hat man sich aus der Muttersprache bereits verabschiedet. Geradezu peinlich ist die Annahme, dass Englisch politisch korrekter wäre als Deutsch. (S. 60 ff.)

19 – Gutes Englisch lässt sich sowieso nicht erzwingen

Mit dem gesteigerten schulischen Aufwand für Englischziele, die von vorneherein irreal gesteckt sind, knicken die Schulbehörden gegenüber den übereifrigen Eltern ein. So bedienen sie – wider besseres Wissen – die Ängste und den Dünkel der Bürger statt dem pädagogisch Vernünftigen zum Durchbruch zu verhelfen. Dem vorgeschützten Ziel – möglichst gute Englischkenntnisse für die Schüler – nähern sich die Schulen durch derlei willfähriges Verhalten aber nicht. Für gutes Englisch kann die Schule bestenfalls Grundlagen liefern, so wie sie es schon immer tat; dafür ist es unnötig den Aufwand für Englisch zu vervielfachen. Die Illusionen der Eltern müssen Privatsache bleiben, sie sind keine Bildungsaufgabe des Staates. (S. 67 f.)

20 – Die weltweit wichtigste Sprache ist die eigene

Die Muttersprache ist die erste Grundlage für jegliches Lernen. Vielleicht ist es notwendig zu erwähnen, dass diese schlichte Erkenntnis von der Linguistik bestätigt wird: Ohne gutes Deutsch gibt es kein gutes Englisch , von Mathematik, Physik, Ethik, Geschichte ganz zu schweigen. Ohne Deutsch gibt es gute Noten nur im Sport. Diese Feststellung gilt für sämtliche Muttersprachen und wird in den meisten Staaten der Welt folgerichtig beherzigt, außer in Deutschland: Hier wird der Anteil des Deutschunterrichts zugunsten des Englischen zusehends verringert. Vielerorts gilt gar die Immersionsmethode als überlegen, bei der einige oder sogar alle Fächer auf Englisch unterrichtet werden. Mit Ausnahme des Sports, und gerade da böte sich eine Umkehrung an: Den Sport haben wir tatsächlich von den Engländern (und Cricket haben wir noch immer nicht) gelernt. (S. 165 ff.)

Abschnitt C: Über die Sprachen der Wissenschaft

21 – Die Wissenschaften veröden in der Einengung auf Englisch

Die Wissenschaften leben von der Vielfalt des Denkens, der Kulturen und der Sprachen. Schwergewichtige Beiträge zur Vermehrung des Wissens der Menschheit leistet, wer in eben der Sprache denkt, die er wirklich beherrscht, und in dieser Sprache vorträgt und veröffentlicht. Das ist in aller Regel die Muttersprache – Ausnahmen bestätigen die Regel. Auch diese Erkenntnis ist eine Binsenweisheit und auch sie geht verloren in der gegenwärtigen Manie, dass alle Wissenschaft auf Englisch ausgerichtet sein müsse. Monokultur laugt auf die Dauer den besten Boden aus. (S. 209 ff.)

22 – Die Chinesen forschen und entwickeln – nicht auf Englisch

Wer vor den Chinesen, den Indern, Japanern und anderen den Respekt aufbringt, der ihnen gebührt, wird von der Antwort nicht überrascht sein, in welcher Sprache sie wohl ihre Wissenschaften betreiben mögen? Sie tun es in der eigenen. Es gibt keine ernst zunehmende Quelle für die Annahme, dass beispielsweise China an dieser Regelung etwas ändern wollte. (S. 81 f., 160 f., 205, 224, 295)

23 – Wissenschaft braucht die Terminologie in der Muttersprache

Exzellente Wissenschaft entfaltet sich stets entlang der Terminologieschöpfung in der eigenen Sprache. Verzichten wir auf diese Leistung und ersetzen wir sie durch Übernahme englischer Terminologien, können wir sie später in deutscher Sprache schwerlich wieder aufnehmen. Wie die Dinge liegen, werden wir den Verlust aber erst dann ernstnehmen, wenn wir gemerkt haben, dass es ohne Terminologie in der Muttersprache keinen Wiederaufstieg aus der Zweiten Liga der Wissenschaften gibt. Dorthin rutschen wir ab, wenn wir den gegenwärtigen Trend weiter mitmachen; wir sind bereits unterwegs. (S. 185, 187)

24 – Lehre auf Halbenglisch ist weniger als die Hälfte

Hochschullehre in akademischem Halbenglisch gebiert Absolventen, die Deutsch in ihrem Fach nicht mehr richtig und Englisch noch nicht richtig können. Man sollte sich erinnern: Der Lehrbetrieb auf Deutsch hat uns über die Jahrzehnte mit Absolventen global vernetzt – die dann unsere Maschinen und Geräte importiert haben. Unsere Erfolge im Export beruhen auch darauf, dass wir auf allgemeine und fachliche Bildung Wert gelegt haben, und zwar in deutscher Sprache, und auf englische Lehre verzichtet haben. Die Wissenschaftler wissen das, die Regierenden wollen es nicht hören, die zuständigen Ministerien ignorieren es bewusst und die indischen Studenten gehen (wenn ihnen Englisch am Herzen liegt) im Zweifel gleich in die USA. (S. 218)

25 – Publizieren in schlechtem Englisch blamiert den Autor

Für das akademische Publizieren gibt es eine intelligentere Lösung als sich mit einem kargen Englisch bloßzustellen. Die Frage ist berechtigt: Mit welchem Recht darf man Spitzenenglisch von Wissenschaftlern überhaupt verlangen? Erkennbar wird hier ein Descartes’scher Analogieschluss unter dem Einfluss der Informationstechnik und des Internets: „Englisch muss ich können, also kann ich es.“ Der Irrtum schmerzt: Die Meisten können es nicht, dem Kenner stockt der Atem. Dennoch gilt: Wissenschaftler müssen auf Englisch publizieren. Warum tun sie es nicht zuerst in der Sprache, die das Denken beflügelt (nicht einengt) und in der sie die Feinheiten ihrer Arbeit am besten darstellen können? Wegen der Kosten der Übersetzung (die ihnen keiner erstattet) oder aus Eitelkeit? Die Übertragung ins Englische kann nur Sache von Experten sein; experten der Sprache. Die Gesellschaft hat sich dafür stark zu machen, dass es genügend dieser Profis gibt und, dass Akademiker sich ihrer bedienen können. (S. 211)

26 – Für den akademischen Gedankenaustausch kann dürftiges Englisch nicht genügen

Radebrechen genügt für den Tourismus. Der akademische Gedankenaustausch in gebrochener Ausdrucksweise ist hingegen fragwürdig. Dabei gehen als erstes jene Feinheiten verloren, um deren Austausch es im Grunde geht. Mangels aktiver (produktiver) Beherrschung der englischen Lingua franca bringen die nichtenglischen Muttersprachler nur gestammelte Beiträge hervor, wenn sie nicht sowieso widerwillig schweigen. So überlassen sie jenen native speakers das Feld, die sich nicht genieren, auf Kosten der Zögerlichen zu punkten. Den Wissenschaften ist damit nicht gedient, denn Sinn wird nur gestiftet, wenn sich jeder der Sprache bedient, in der er denkt und das Besondere an seiner Arbeit in allen erforderlichen Analogien erklären kann. Das ist fast immer die Muttersprache. Die Übertragung des Gesagten ist daher eine Aufgabe für professionelle Dolmetscher. (S. 223)

Abschnitt D: Über die Sprache der Bürger im Alltag

27 – Weltbürger wird man nicht durch Liebedienerei

Zum Weltbürger qualifiziert sich, wer sich auf Grundlage seiner kulturellen Herkunft dazu bekennt. Anderenfalls wirkt seine Hinwendung als peinlich oder sogar als Flucht vor seiner historischen Mitverantwortung. Als Deutscher und als Österreicher entkommt man der Geschichte des 20. Jahrhunderts auch nicht durch Verleugnung der deutschen Sprache, so billig kommt keiner davon. Verzichtet er auf seine Muttersprache, bewirkt er das Gegenteil dessen, was er darstellen möchte: Von Liebedienerei lässt sich keiner zufriedenstellen; auch das eigene Gewissen lässt sich nicht übertölpeln. Im Übrigen muss sich für die paar Rechtsextremen hierzulande keiner mehr schämen als unsere Nachbarn für die ihren; es gibt sie bekanntlich auch im englischen Sprachraum. Ihretwegen auf die Muttersprache zu verzichten, ist pubertär, unglaubwürdig. (S. 44 f.)

28 – Der Glaube an Englisch grenzt Millionen von Mitbürgern aus

Mit der geradezu religiösen Verehrung der englischen auf Kosten der Landessprache widersprechen wir dem Grundgesetz. Den Einwanderern rauben wir das Motiv zum Erwerb einer menschenwürdigen Teilhabe an der Gesellschaft vermittels der hier gültigen Landessprache. Manche Minderheiten ohne Englischkenntnisse schließen wir aus der Alltagskommunikation aus, als gäbe es sie nicht: die Alten, die es in der Schule nicht lernten, die Sprachschwachen, die funktionalen Analphabeten. Der einzige Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, ist aber die Landessprache. Sprachpflege, nämlich ein Schutz vor Übertreibung bei Entlehnungen, ist daher im Grunde eine gesellschaftliche Aufgabe und nicht nur eine Privatsache. (S. 69 ff.)

29 – „Englisch als Landessprache!“ – eine Forderung ohne den geringsten Denkinhalt

Englisch als Landessprache in Deutschland zu fordern ergibt noch weniger Sinn als die Chihuahua-Hunde für Polizeiaufgaben zu züchten. Man muss nur zu Ende denken, unter welchen Anstrengungen so ein Ziel angestrebt und trotzdem nicht erreicht würde. Englisch als Landessprache fordert in aller Regel, wer sein Gestammel mit Englisch verwechselt und schon lange nicht mehr in der Presse erwähnt wurde. (S. 229)

30 – Sprachpflege zählt zum Ressourcenschutz

Wenn wir die Muttersprache ernstnehmen, ist sie eine Quelle geistiger Energie. Sie ist unversiegbar, vorausgesetzt wir kümmern uns um sie. Dann ist sie, was es nur in der Kultur, nicht in der Natur geben kann: ein Apparat der mehr Energie verfügbar macht als man zu seinem Betrieb hineinstecken muss. Vernachlässigen wir die Sprache, so gilt jedoch der umgekehrte Fall: Wir verbrauchen die Substanz bis sie auf dem Niveau eines Dialektes dahinsiecht. So gesehen ist Sprache ein endlicher Rohstoff – da gibt es auch nichts mehr zu recyceln. (S. 187 ff.)

31 – Englisch als Gerichtssprache dient nicht dem Volk

Aufgabe der Rechtsprechung ist die Wahrung des Rechtsfriedens. Wie das den Gerichten gelingen soll, wenn Zivilprozesse zunehmend auf Englisch geführt werden, hat bisher keiner befriedigend beantworten können. Prozessführung auf Englisch liegt im Interesse einer Minderheit, die keines Schutzes bedarf; außer wenigen Spezialisten in den Anwaltskanzleien versteht hierzulande keiner das Juristenenglisch. Das Volk spricht Deutsch; es möchte verstehen, was sich in seinem Namen vor den Gerichten im eigenen Lande abspielt. Und wenn es schon (ausnahmsweise!) Englisch sein muss, dann in in der Variante, die immerhin den Meisten im Lande noch zugänglich ist oder gemacht werden kann: Globisch, nicht Hochenglisch. (S. 72 ff.)

32 – Als einigende Sprache braucht Europa – die Sprache seiner Gegner am wenigsten

Europas einzigartiger Standortvorteil beruht auf der Vielfalt seiner Kulturen und Sprachen. Aus der Vielfalt gehen Gedanken hervor, die nicht zustande kämen, wenn sich alle Europäer in einer gemeinsamen Sprache auszudrücken hätten, schon gar nicht in der Sprache der erklärten Gegner Europas, und das sind die Engländer. Dass eine einheitliche Sprache völkerverbindende, friedensstiftende Kraft besäße, ist nicht beweisbar. Im Gegenteil: Bürgerkriege wie in Spanien, am Balkan, in Korea und anderswo wurden durch gemeinsame Sprache nicht verhindert. Die Muttersprachen Europas gewinnen ihre Geltung in dem Maße zurück, wie das Brüsseler Gemenge aus Bad Simple English und Beamtenenglisch durch ein ordentliches Globisch ersetzt wird; zusätzlich benötigt Europa mehr Dolmetscher und Übersetzer. (S. 90 ff.)

33 – Andere verwenden ihre Sprache als Waffe – wir nicht

Wir denken gar nicht erst daran, unsere Muttersprache international als Waffe einzusetzen. Dabei mag es bleiben, kein vernünftiger Mensch möchte es rückgängig machen. Vernünftig wäre indes auch, dass wir das Kolonialgehabe der Amerikaner und Briten immerhin als den Sprachimperialismus identifizieren, der er ist. Ihre bewusste (offen eingestandene) Sprachpolitik hat auch wirtschaftliche Folgen zu unseren Ungunsten. Wehren sollten wir uns auch gegen die Chuzpe, mit der – ausgerechnet – die europafeindlichsten EU-Mitglieder mit ihrer Sprache sämtlichen anderen Mitgliedern britische Denkweisen aufzwingen. Einflussreiche Amerikaner führen sich sogar so auf, als müsste die Welt an ihrem Wesen genesen. Uns sollten solche Töne bekannt vorkommen und skeptisch stimmen. (S. 36, 79 ff.)

34 – Erstes Opfer des Sprachimperialismus ist – Hochenglisch

Der Sprachimperialismus macht paradoxerweise die englische Sprache zum ersten Opfer der Globalisierung: Die englische Kultursprache ist bedroht. Ihre nichtmuttersprachlichen Nutzer verflachen sie mit minderwertigem Englisch. Die Engländer selber unterscheiden noch nicht zwischen Globisch und Englisch und sie lassen es zu, dass der globalesische Jargon der Geschäfts- und Finanzwelt als Hochenglisch durchgeht. Es wäre ein schwer zu verkraftendes Opfer des Sprachwandels, wenn die Sprache Shakespeares zertrampelt würde. (S. 59, 182 f.)

35 – Globisch nützt allen Muttersprachen

Die Erkenntnis, dass ein Drittel der globalen Bürger bereits Globisch spricht oder sich auf dem Umweg über schlechtes Englisch auf Globisch zubewegt, könnte das Ende des gängigen Englischwahns von der Wiege bis zur Rente einleiten: So könnte die eigene Sprache (jede Muttersprache, auch die englische) den Spielraum zurückgewinnen, den ihre Sprecher zum eigenen Denken und für eine geordnete Verständigung benötigen. (S. 21 f, 60 ff.)

36 – Sprache verändert sich nicht – sie wird verändert

Einer plappert es dem Anderen nach, dass sich die Sprache verändere. Auch durch häufige Wiederholung wird dieser Satz nicht stimmiger. Tatsächlich verändert nicht die Sprache sich, sondern sie wird verändert, und zwar von denen, die sie gebrauchen oder missbrauchen. Das müsste über kurz oder lang auch den Linguisten auffallen, die sich über die „selbsternannten Sprachschützer“ mokieren. Wenn aber die Muttersprache derart gedankenlos misshandelt wird, liegt es nahe, dass sich andere um sie kümmern, obwohl beispielsweise die Neonazis von guter Spracher besonders weit entfernt sind. An gepflegter Veränderung kann jeder mitwirken – durch bewussten Umgang mit seiner Muttersprache. (S. 54 ff.)

37 – „Dafür gibt es kein deutsches Wort!“ ist ein blödes Argument

Es ist schließlich der Sinn von Wortschöpfungen, dass neue Begriffe mit neuen Wörtern bezeichnet werden, sei es durch Neuerfindung, durch Umdeutung vorhandener Wörter aus dem Sprachschatz oder gegebenenfalls durch Entlehnung aus anderen Sprachen. „Gibt es nicht!“ gibt es nicht in der Sprache. Nur Denkfaulheit (oder Denkverbot) spricht dafür, dass man sich zur Einkleidung aus fremden Garderoben bedient, bevor man in der eigenen nachsieht. Für ein wirklich neues Ding gibt es in keiner Sprache bereits ein Wort, nicht einmal in der englischen, und was die Amerikaner und Briten können („Let’s call that a stalker“), kann jeder andere auch („Dann nennen wir das doch einen Nachsteller“). Manche fremdsprachlich gebildeten Engländer sind geradezu fasziniert von den Möglichkeiten, Neues in der deutschen Sprache begrifflich zu fassen. Indem wir uns auf die Gehirnwäsche einlassen, dass nur Englisch zu Neuem fähig sei („denn im Deutschen gibt es dafür kein Wort“), setzen wir unsere Denkfähigkeit aufs Spiel. In der eigenen Sprache trauen wir uns nicht mehr zum Denken, wir schreiben ab – und machen dabei lauter Fehler. (S. 117 ff.)

38 – Die Muttersprache kommt kostenlos, nicht umsonst

Die Muttersprache ist leichtes Gepäck, leicht geht es verloren – für immer. Was manchen politisch Korrekten als Ersatz vorschwebt – das Weltsprachenenglisch – eignet sich als Ersatz für Muttersprachen am wenigsten. Genau das blüht uns aber, wenn wir nicht eingreifen. (S. 182 ff.)

Darüber hinaus

Im Abschnitt 6 – Globisch lernen des Buches Von Babylon nach Globylon erfahren Sie, was Sie tun müssen, um Globisch zu beherrschen und was Sie dabei getrost überspringen können: Globisch ist zwar kein Fingerschlecken, aber für jedermann in überschaubarer Zeit erreichbar.