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Hysterie um Englischkenntnisse

Englischkenntnisse für Beruf und Wissenschaft müssen gezielt erworben werden, nicht unterschiedslos, etwa aus Angst; und wenn es auf Kosten der Muttersprache geschieht, wird es teuer.
  Leicht redigierte Fassung des Artikels in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache, Heft 37, März 2008.
 

Viel Lärm um nichts

Wenn wir unsere Kinder fachlich zu früh beladen, erziehen wir sie zu Fachidioten

"Vorhersagen sind immer schwierig", meinte Mark Twain, "vor allem über die Zukunft." Ihrer Sache sicher, dass andere Sprachen überflüssig sind, bemühen sich Engländer und Amerikaner kaum noch um Fremdsprachen. Aber nachdem ein Bus explodierte, suchte Scotland Yard auf einmal Mitarbeiter mit Kenntnissen in Urdu und Arabisch. Und die CIA hatte in ihrem Glauben an die Elektronik die klassischen Spione pensioniert, was sie nach dem 11. September 2001 schnell bereute. Im eigenen Lande erleben die Amerikaner, wie Spanisch dem Englischen zu Leibe rückt (und kurzerhand Englisch per Gesetz zur Landessprache erklärt). In Europa kannten wir vor fünfzehn Jahren, was China anbelangt, nur den Tinnef aus Taiwan. Wer hätte hier vorausgesehen, dass komplette Fabriken nach Hang shou übersiedeln? Und wer hätte den Indern IT-Arbeitsplätze in Bangalore zugetraut?

Eltern, die ihre Krabbler fürsorglich mit Englisch berieseln, könnten ihrer Angst eine neue Zielrichtung gönnen: wer weiß, vielleicht wird in fünfzehn Jahren nicht Englisch, sondern Mandarin die Welthandels- und Verkehrssprache sein? Die Amerikaner tun jedenfalls ihr Äußerstes, Englisch zum roten Tuch für eine Milliarde Muslime zu machen. Wer als Fremdsprache nur Englisch drauf hat, wäre dann unterqualifiziert, falsch ausgebildet. Niederländische und dänische Unternehmer finden schon jetzt kaum Personal mit Deutschkenntnis, das schadet ihrem Geschäft.

Wer auf Englisch starrt wie das Kaninchen auf die Schlange, übersieht, dass man das Vertrauen der Kunden in der Sprache der Kunden erwirbt, nur ein paar Ahnungslose lassen sich mit weltläufigem Gehabe einfangen. Die Berufschancen unserer Kinder steigen, wenn wir sie zu Fremdsprachen ermutigen, mit denen sie im Markt herausragen. Wo sie Fachkenntnis mit Sprachkompetenz verschränken, die in dieser Zusammenstellung nur wenige vorweisen. Unsere Märkte liegen auch in Europa, allein da gibt es zwei Dutzend Sprachen zu lernen.

Kein Zweifel, auch Englisch müssen wir lernen, aber mit Augenmaß. Was sich zur Zeit abspielt, kennen Volkswirte als den Schweinezyklus: die Aussicht auf Erlöse aus Schnitzel und Eisbein verführt mehr Bauern, auf Schweinemast zu setzen. Daraus entsteht ein Überangebot an Schweinefleisch, die Preise fallen. Die Bauern steigen aus, bis wieder die Nachfrage höher ist als das Angebot, die Preise steigen, die Schnitzelgewinne winken wieder.

Jetzt heißt unser Schnitzel Karriere und durch das globale Dorf wird eine Englischsau nach der anderen getrieben. Wir lassen unsere Kinder auf Englisch drillen, wir erliegen schiefen Argumenten für das totale Eintauchen in das Englische in sämtlichen Fächern (Immersionsunterricht) und, dass Englisch an der Schule die erste Fremdsprache sei, bezweifelt kaum noch einer. Tatsächlich ist auch dies der Mode, nicht der Vernunft geschuldet, also fragwürdig.

Englisch erschließt sich scheinbar leicht, denn Sprachen wie Französisch oder Polnisch, mit ihren Konjugationen und Deklinationen, machen viel mehr Mühe. Aber sie zu lernen, schult das Denken, während sich Englisch wie vonselbst einnistet. Was wir für Englisch halten, ist aber eine Illusion. Ein Englisch, das präzise Gedanken ausdrückt, ist kein bisschen leichter als Latein. Und wer Englisch als erstes gelernt hat, verliert die Lust an den "schweren" Sprachen. Englisch ist die Einstiegsdroge zur Denkfaulheit. Mit Anglizismen oder gar Denglisch durchsetzt, äußern sich Kirchen, Behörden, Regierung, Prominente. Sie verspielen die natürliche Neigung der Kinder zur Muttersprache. Wortspiele wie "We kehr for you" (Berliner Stadtreinigung), sind wunderbar, vorausgesetzt man kann sich leisten, was man mit der Sprache anstellt.

Das Fundament für fremde Sprachen ist nun mal die Muttersprache. Ohnehin ist die Grundschule nicht dazu da, für den Beruf zu qualifizieren. Den künftigen Bedarf können gerade die Kultusminister am wenigsten vorhersehen. Mindestens bis zur Pubertät darf es an der Schule nicht um Fertigkeiten gehen, sondern um Fähigkeiten, um soziales Verhalten, Lernfähigkeit, um den Boden, auf dem der Erwerb von Fertigkeiten wächst.

Sodann müssen wir unterscheiden, um welches Englisch es geht, zu welcher Zeit, an welchem Ort. Die Kultursprache Englisch, die Sprache Shakespeares, Byrons, Shaws und le Carrés ist das Rüstzeug um später verhandlungssicher mit Juristen, Betriebswirten, Erfindern und Wissenschaftlern auf Augenhöhe zu verkehren. Dazu gehört mehr als Schulenglisch, unter fünf Jahren Auslandsaufenthalt gibt es keinen Blumentopf zu gewinnen.

Anders die Welthandels- und Verkehrssprache, nennen wir sie Globisch, um Verwechslungen zu vermeiden. Sie ist kein schlechtes, primitives Englisch, sie ist ein vollkommen regelgerechtes, aber reduziertes Englisch. Das lernt auch der weniger Begabte noch als Erwachsener. Für alltägliche Kommunikationsroutinen genügt diese Lingua Franca. Das Risiko ist sie nicht wert, das wir mit Englisch als erster Fremdsprache oder gar mit Immersionsunterricht eingehen. Sorgen wir als Vorbilder für gutes Deutsch, halten wir sie von der Mattscheibe fern - man sieht doch, dass Fernsehen die Kinder dumm, dick und träge macht. Verweigern wir ihnen den Rechner, bis sie die Reife besitzen, eigenverantwortlich damit umgehen. Zum Kinderparken, weil wir keine Zeit für sie haben, mögen die Medien taugen, aber das mit Fürsorge für ihre berufliche Qualifikation zu verbrämen, ist eine Schwindelei. Die Untersuchungen nach PISA belegen, unter welchen Bedingungen Kinder die besten Chancen erwerben. Frühes Englisch zählt in Deutschland nicht dazu, die Muttersprache, die Landessprache, aber ist unersetzlich. Noch wichtiger wäre musikalische Früherziehung, der Umgang mit einem Instrument, das Spiel im Ensemble, sie befördern Denkfähigkeit, Phantasie und Teamfähigkeit mehr als alles andere.

Wenn wir unsere Kinder fachlich zu früh beladen, erziehen wir sie zu Fachidioten - übrigens ein Wort, das den Engländern so gut schmeckt, dass sie es entlehnt haben. Fachidioten werden stets als erste durch Maschinen und Programme ersetzt, sie sind zum Dazulernen nicht gerüstet. Schon jetzt brauchen wir in den Fabriken kaum noch denkfaule Hilfsarbeiter, sondern Facharbeiter, die mit komplizierter Steuerung schwierige Abläufe in zahlreichen Variationen bewältigen. Und in den Büros benötigen wir die Menschen - angesichts der wunderbaren Welt des Rechners - bald nur noch für Aufgaben, zu denen Automaten nicht fähig sind. Also wenn schon der Blick auf den Arbeitsmarkt unser Handeln bestimmt, dann erziehen wir unsere Kinder lieber zum selbständigen Denken und Handeln. Der Streit um frühes Englisch ist viel Lärm um nichts - er lenkt ab vom wesentlichen.


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  Dipl.-Ing. Oliver Baer, Publizist
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