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Sprache im Wirtschaftsalltag
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Deutsch vs. Primitivenglisch

Eine armselige Alternative, gleich zwei Kultursprachen abzuwählen - aber die Europäer sind drauf und dran, ihre Stärke preiszugeben: die Vielfalt
  Leicht redigierte Fassung des Artikels in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache, 3/2007.
 

Zwei Dutzend Nachbarn im Garten

Tunnelblick und Sturheit behindern Bündnisse zwischen den europäischen Muttersprachlern. Die Sprachen der anderen gehen uns etwas an, im eigenen Interesse.

Im Polnischen, Estnischen, Französischen, Niederländi-schen gibt es dieselben Pro-bleme wie bei uns mit einem Primitivenglisch, das sich verbrei-tet wie die Karnickel in Austra-lien. Vielleicht ist der größte aller Sprachvereine, der VDS, in seinem Zorn nur deshalb so weit gediehen, weil nirgends so viele aus dem Hut gezaubert werden wie an unseren Universitäten, in der Wirtschaft, in den Medien, in der Werbung. Aber 90 Millionen deutsche Mut-tersprachler (unter 493 Millionen Europäern der Union) werden allein durch ihre Menge das Überleben der deutschen Sprache - oberhalb des Oettingerniveaus - nicht stemmen. So einem Irrtum sind bereits die Per-ser bei Marathon aufgesessen.

Zwei gute Gründe gelten, den benachbarten Sprachen mehr zu gönnen als Bekenntnisse zu "ihrer kulturellen Bedeutung für die Viel-falt Europas" und was einem sonst an Hülsen einfällt, wenn man nichts Greifbares zu tun vorhat. Der wich-tigere und schönere Grund ist die Kultur: In keine andere Sprache wird so viel Literatur anderer Völ-ker übersetzt und die Verlage gehen daran nicht zugrunde, das heißt, die Bücher werden auch gekauft und ver-mutlich gelesen. Will sagen, offener für die Kulturen der Welt kann man nicht sein. Hat uns geschadet, daß unsere Dichter und Denker in den Sprachen der Nachbarn zuhause waren? Bricht uns ein Stein aus der Krone, weil Kant und Herder die Bedeutung der litauischen Sprache für die Geisteswissenschaften in aller Welt betonten? Der Genius eines Volkes offenbare sich nirgends besser als in der Physiognomie seiner Rede, sagte Herder. Demnach läge in der Vielfalt unserer Genien die Stärke, nicht ein Handicap Europas. Eine Stärke, die man uns neidet?

Zwei Dutzend Nachbarn

So gut wie alle Sprachen Europas zählen zu unseren Nachbarn. Darin unterscheiden wir uns von Franzosen und Briten, die sich mit dem Verlust ihrer Weltreiche immer noch schwertun. Ihre Sprachen rücken uns nicht auf den Pelz, nicht das Französische, auch nicht das Oxford-Englisch, das keine drei Prozent der Briten beherr-schen. Schmerzen bereiten uns die Denkmuster und Subkulturen, die wir mitsamt ihren Jargons gedan-kenlos vereinnahmen. Wobei wir uns wenig beim besten bedienen, das Amerika zu bieten hat. Unsere Nah-rung reicht vom ordinären rap zur schlichten case study in MBA-Kur-sen. Mittlerweile blüht uns, daß sich eine platte Variante des Englischen schon deshalb als einzig überlebende Arbeitssprache der EU durchsetzt, weil zu viele Europäer auf das - ach so plausible - Argument hereinfallen, drei Arbeits- und über zwei Dutzend Amtssprachen seien unpraktisch und schlichtweg zu teuer.

Praktischer ist es allemal, 96 Prozent sei-ner Denkfähigkeit lahmzulegen, da wird das Weltbild überschaubar. Und billiger käme es, wir bäten gleich um Aufnahme in die Vereinigten Staaten, dort könnten wir Minderheitenrechte beanspruchen.

Tunnelblick aufs Unkraut

Daß uns die Nachbarsprachen etwas angehen, hat mit Strategie in eigener Sache zu tun. "Wir kümmern uns um Deutsch, die anderen um ihre eigene Sprache." So heißt es, und außer-dem "sollten die Deutschen aufhören, vor anderen auf die Knie zu fallen". - Solcher Tunnelblick bekommt uns schlecht. Blicken wir doch über die Grenzen, finden wir Freunde bei deutschen Minderheiten in Schlesien, Südtirol, im Elsaß sowie unter den Deutschlehrern vom Nordkap bis Neuseeland. Auf diese Weise sichern wir uns den Beifall derer, die längst unserer Meinung sind und in ihren Ländern schon deshalb nichts bewe-gen, weil sie als Minderheiten oder Gäste gut beraten sind, den Mund zu halten.

So lange sich die Sorge des VDS auf die eigene Sprache beschränkt, wird sich daran nichts ändern. Zwar sind auch die Nachbarn von einem dominanten Denkersatz bedroht, den alle Welt mit Englisch ver-wechselt. Zu einer gemeinsamen Politik fehlt also nicht die Begrün-dung, es fehlt der Anlaß. Warum sollten 38 Millionen Polen 90 Mil-lionen deutschen Muttersprachlern die Stange halten? Schätzen wir etwa Andrzej Szczypiorski, einen Freund unserer Kultur? Wenn in Europa jeder so gleichgültig sei-nem Chauvinismus frönt, braucht auf den Ausgang nicht gewettet zu werden: Der Sieger ist Englisch, noch dazu eines, das nicht einmal die Eng-länder erfreut.

Bevor die Türken mitfeiern

Die Lösung liegt auf der Hand: Tun wir uns mit den muttersprachlichen Polen, Esten, Franzosen, Flamen zusammen, auch mit den Engländern, in unserer gemeinsamen Sorge um die Sprachen Europas! Nützlich wäre, wenn wir das auf die Beine brächten, bevor 72 Millionen Türken den Drang zum Euroeng-lisch noch verstärken. Hinweise auf unsere Satzung - "Mitglieder kön-nen ausgeschlossen werden, wenn sie ... die Förderung der deutschen Sprache zur Verunglimpfung von anderen Sprachen und Kulturen nutzen" wiegen wenig, wenn dahin-ter nichts steckt als die Angst vor den Erntehelfern.

Kehren wir zum schöneren Argument zurück, es verspricht reichen Lohn. Nicht nur geziemt es sich, in der Mitte eines Konti-nents ein Herz für die Nachbarn zu haben. Es macht sogar Freude, und es bereichert uns. Wir haben den Genius so vielfach in unserer Mitte, wie wir die Zahl und Sub-stanz der Muttersprachen pflegen. "Sonderbar!" sagte eine Polin, sie sang es geradezu. In dieses Wort sei sie geradezu verliebt. Sonder-bar ist die Angst, wir würden auf die Knie fallen, wenn wir einander im Garten zur Hand gehen. Wer noch nie erlebt hat, wie gerührt ein Krakauer auf Worte in seiner Landessprache reagiert, sollte es -mal probieren.

Im Garten keine Goldwaage

Sicher wird es schwierig, mit den Nachbarn Sprachbündnisse zu schmieden. Etwa die Polen besit-zen für den Begriff Muttersprache kein eigenes Wort, selbst bei uns unterscheiden manche zu unscharf Muttersprache und Vaterland. Sprachbündnisse zu verhandeln, verlangt Diplomatie, Geduld und selbstgewisses Vertrauen in die Verhandlungsführer. Wir sollten nicht jedes Wort auf die Gold-waage legen. Bündnisse formu-lieren das Gemeinsame; was uns unterscheidet, wie den Gorgonzola vom Roquefort, mag getrost den Partnern überlassen bleiben.

Warum wagen wir nicht den gro-ßen Schritt und ergreifen, als stärk-ster Sprachverein in Europa, die Initiative? Oder lassen wir uns von den Franzosen die Schau stehlen?


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