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Sprache im Wirtschaftsalltag
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Sprachnachrichten

Dieser Beitrag erschien unter dem Titel "Es geht um die Muttersprachen" als Aufmacher in den Sprachnachrichten des VDS (Verein Deutsche Sprache) im Juli 2005
   

Drei Klassen schafft die Sprache

Englisch wird unsere zweite Landessprache. Den Alltag in Wirtschaft und Wissenschaft muss die Politik nur noch zur Norm erheben. Der Wechsel in Berlin, die Sinnkrise in Europa zeigen an: Die Zeit ist reif, dass wir uns bewegen.

   
Große und kleine Betriebe sind bereits unterwegs. Die Chipfabrik der AMD in Dresden prüft Bewerber für qualifizierte Arbeitsplätze auf ihre Englischkenntnisse. Wer nicht besteht, kann gleich heimgehen, seine Fachkenntnisse ziehen nicht. Von der AMD kam der vormalige Wirtschaftsminister Sachsens, Martin Gillo. Er verlangt die zweite Landessprache und für Jürgen Rüttgers gilt Englisch nicht mehr als Fremdsprache. Aus dem Alltag einer privaten Glauchauer Grundschule, die nur auf Englisch unterrichtet, erzählt Maritta Schöne, Fachberaterin für Deutsch: Da gibt es Kinder, die auf Fragen der Mutter stumm bleiben - falsche Sprache, sorry Mom! Die richtige bringt Arbeitsplätze, zum Beispiel für die Abgänger der Neisse University. Sie bietet ein grenzüberschreitendes Studium der Hochschulen in Zittau/Görlitz, Reichenberg (Liberec) und Breslau (Wroclaw), auf Englisch; darauf trimmt die Studenten ein zwölfwöchiger Intensivkurs in England. Die Landessprachen werden auch gelehrt.

So weit, so gut. Wes' Brot ich ess', des' Lied ich sing'. Ob das gleiche erfreuliche Ergebnis erzielt würde, wenn die deutschen Studenten auf Polnisch und Tschechisch und reihum unterrichtet würden, weiß keiner. Auf den Beweis wird, wohl im vorauseilenden Gehorsam, verzichtet. Das warme Gefühl, die Europäer zu einen - und sei es in der Sprache, die am wenigsten für Europa steht - trübt den Blick auf ein Problem. Wer in Fremdsprachen gut zu Fuß ist, kann es ermessen. Wie die Glauchauer Kinder verwenden wir auf die Muttersprache kaum noch Zeit, wenn es um unsere Jobs geht, außerdem kann man "Goethe auch auf Englisch lesen" (Prof. Helmut Seitz). Das stimmt sogar, sofern er mit Englisch die Kultursprache meint, nicht das aalglatte Globish, das ihm wie Englisch vorkommt. Sprache hat mit der Fähigkeit zu tun, die wir Denken nennen, was nicht zu verwechseln ist mit dem Abspulen von Bildern, die wir für Gedanken halten, tatsächlich aber aus dem Fernsehen beziehen. Denken benötigen wir, um ein Produkt zu entwickeln, das neue Arbeitsplätze schafft. Die Kinder der Hufschmiede gingen einst beim Adam Opel in die Lehre, die Enkel … nicht mehr, sie suchen. Auf dem Humus der toten Industrien wächst Neues nach, vorausgesetzt wir entfalten Ideen, schaffen etwas Besseres, Besonderes, wir bewegen unsere grauen Zellen.

Das kann man auch auf Englisch, machen Sie die Nagelprobe: Können Sie eine komplizierte Neuheit von der Erfindung über das Patent bis zur Marktreife auf Englisch denken, ohne zu schummeln, dann beherrschen Sie die Sprache. Dann denken Sie innerhalb der Strömungen, die sich im Englischen etwa vom Italienischen unterscheiden wie Roastbeef von Scaloppine alla pizzaiola. Warum gibt es so viele Sprachen? Würde alle Welt auf dieselbe Weise wahrnehmen, gäbe es nur eine.

Unsere Mänätscher, das muss ihnen der Neid lassen, halten auf Englisch unverdrossen mit, aber das ist zweiter Klasse. "It is better to cut off our hands and feets than our arms and legs" (Vorstand verkündet Stellenabbau), solches Gewäsch gedeiht im geistigen Niemandsland. Abgesehen von dem falschen Plural - so verkrampft spricht, wer den englischen Neoliberalismus noch nicht, die deutsche Mitbestimmung aber nicht mehr verinnerlicht. Die Angelsachsen lachen sich ja ins Fäustchen. Wer nicht weiß, wer er ist, den kann man gängeln.

Eine Ebene tiefer, in der dritten Klasse, liegt das BSE, Bad Simple English - was die AMD ihren Prüflingen abfragt. Wahrscheinlich hoffen die Personaler insgeheim, dass sich die armen Schweine einen Rest an Mutterwitz bewahren, sonst laufen sie wie bescheuert durch die Fabrik. Aber wie lange geht das noch gut? Aus Englischkursen für multinationale Betriebe kennen wir die Sprachfertigkeiten in der Regionalliga. Was wir ihnen beibringen müssen, hat ein Gschmäckle von dem, was die Kolonialherren in Afrika taten: Die Leute sollen gerade genug lesen, schreiben, rechnen können, dass sie die Anweisungen kapieren!

Keine falschen Hoffnungen, für die Dauer mindestens einer Generation sprechen wir noch kein konkurrenzfähiges Englisch und schon kein belastbares Deutsch mehr, wir kicken in der zweiten Liga. In der Tschämpjens Lieg tummeln sich die englischen Muttersprachler und die Handvoll Sprachbegabter, die bei der Nagelprobe gut aussahen.

Was wäre zu tun? Dasselbe Problem betrifft ja unsere Nachbarn, mit oder ohne Sprachgesetz. Ihre Wirklichkeit in Polen, Böhmen, Frankreich, Schweden ist wie unsere. Verbünden wir uns mit ihnen, denn es geht nicht um Deutsch, es geht um ihre Muttersprache, alle Muttersprachen, auch Deutsch! Viele im VDS genießen die Spachen der Nachbarn mit Lust an der Farbenpracht unserer Kulturen. Knüpfen wir daraus Verbindungen quer durch Europa! Wir sind nicht gegen das Englische, wir sind für die Muttersprachen. Im Erlegen von Anglizismen war es lange genug gemütlich, der Erfolg gibt uns recht - und nun gehört der Mief gelüftet.

Einen wunderbaren Nebennutzen hätten wir von einer solchen Vereinspolitik, die Geister werden sich scheiden: Wer im 19. Jahrhundert verharrt und den Unterschied zwischen Sprache und Nation nicht begreifen mag, ist bei den Nachbarn nicht willkommen, bei uns auch nicht. Im VDS wollen wir nicht Recht haben, wir wollen unsere Sprache retten. Es wird höchste Zeit, dass wir mit den Nachbarn, für unser geliebtes Deutsch, Polnisch, Schwedisch, Französisch den Platz sichern, der jedem gebührt: In den Herzen und Köpfen ihrer Sprecher.


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  Dipl.-Ing. Oliver Baer, Publizist
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